»Briefe« 1996 - 2000 (nocturnes - qawwal) Die hier vorgestellten Arbeiten entstammen einem 1994 begon-
nen Werkkomplex der sogenannten "Briefe", deren erstes auslösendes Moment ein sehr persönliches Erlebnis war,
nämlich die Geburt des Sohnes. In dieser Nacht entstand die erste Arbeit der "Briefe", aus der heraus sich ein neues
Konzept der zeichnerischen Sprache Nauderers entwickelte. Grundlegend für alle Arbeiten dieses Zyklus ist die
Entstehung in jeweils einer einzigen Nacht, zumeist im Zusammenhang mit Musik, woraus sich eine schnelle, rhythmi-
sche Arbeitsweise ergibt. Hauptthema der Darstellung sind paraphrasierte Köpfe, Gesichter, Kopfgestalten, die als
Metaphern für das Denken und Empfinden gelesen werden können. Der Duktus der Arbeiten ist - bedingt durch die
selbstauferlegte zeitliche Beschränkung - schnell und kraftvoll, wobei die bewusste zeichnerische Kontrolle zugunsten
einer percussiven, rhythmischen Zeichensprache zurückgedrängt wird, Der künstlerische Arbeitsvorgang wird in diesem
Sinne folglich eher durch ein gestisches Moment und die die Nacht begleitende Musik bestimmt, als dass eine intellek-
tuelle Konzeption innerhalb der einzigen Darstellungen bzw. ihrer Strukturierung auf der Bildfläche dominieren würde
Die Abfolge der daraus entstehende senr verschiedenen 'Kopfgestalten' - teils skizzenhaft, teils elaboriert, teils von
ruhiger zeichnerischer Schönheit, wiederum von fast schon agressiv transformierendem Charakter - fügt sich zu
einem Gesamtbild, das auf den ersten Blick formale, konzeptuell anmutende Strukturierung aufweist. Die daraus
resultierende Ausstrahlungskraft der Arbeiten zieht den Betrachter nicht nur in Bann, sondern !öst zugleich eine Flut ver-
schiedenster Assoziationen aus, sobald man sich auf die einzelnen Gestalten, die sich bei näherem Hinsehen aus der
Gesamtstruktur lösen, einlässt.                                                                                                 Susanne Baumgart