Der Wald als Bild und Vorstellung

Die Galerie Kunstgang zeigt Michael von Brentanos Installationen “Verborgene Wälder”

Bad Tölz - Ein Wald besteht
aus Bäumen. Und die entstehen
durch natürliches Wachstum.

In seiner 1996 entstandenen In-
stallation „Verborgene Wälder" ist
Michael von Brentano dieser einfa-
chen Wahrheit auf den Grund ge-
gangen - gegangen im Wortsinne.
Denn wie so oft in Brentanos Kunst-
Aktionen verband sich auch hier
mit dem Prozess einer künstleri-
schen Transformation von Natur
ganz sinnfällig das Ritual des proce-
dere, des Fortschreitens.

Brentanos Weg zu den „Verborge-
nen Wäldern" beginnt in einer Rei-
he von Waldgängen, auf denen der
Wanderer sich das Phänomen Wald
zunächst visuell aneignet. Das Er-
gebnis sind Photographien - spon-
tan und willkürlich aus dem Mo-
ment eingefangene Ansichten der
Waldlandschaft, Bilder und Eindrü-
cke, die nicht gesucht, sondern ge-
funden wurden. Dazu kommen
ganz und gar materielle Fundstü-
cke: Stammholz, in der Regel Fich-
te. in transportablen Abmessungen,
bis 90 cm lang und bis etwa 15 cm
stark. So häufen sich am Ende die-
ser Wanderungen Dokumente des
Waldes in seiner visuellen Erschei-
nung, in seinem Stimmungsgehalt
und seiner materiellen Substanz.

Und dieser materiellen Substanz
geht Brentano in einem zweiten
Schritt auf den Grund:Die Stämme
werden auf der Drechselbank so
lange bearbeitet, bis der größtmögli-
che Ausgleich zwischen dem Form-
ideal der regelrecht zylindrischen
Säule und der naturwüchsigen Ano-
malie des Holzstammes erreicht ist.
Nach und nach entstehen ähnliche,
aber niemals gleich geformte Gebil-
de am Schnittpunkt von Kunst und
Natur, 105 an der Zahl. Aber auch
diese Zahl wurde nicht gesucht, son-
dern gefunden.

Die so gewonnenen Holzkulptu-
ren werden dann an einer der bei-
den Schnittstellen exakt senkrecht
aufgebohrt. Das Bohrloch einer je-
den Skulptur, etwa 13 cm tief und
mit 16 mm Durchmesser, wird zum
Behältnis der während der Wande-
rungen entstandenen Photos. Zu-
dem wird dieses Loch mit Wachs
ausgegossen; und die Schnittstelle
wird mit einer mehrere Millimeter
dicken Wachsschicht nach oben so-
lide abgedeckelt.

Die photographierten Wälder
sind somit tief im Inneren des Stam-
mes verborgen. Und die 105 Stäm-
me mit ihren 105 verborgenen Pho-
tos werden, locker im Raum ver-
teilt, aufgestellt. So entsteht ein höl-
zerner Stelenwald, der im Zusam-
menhang der ihn umgebenden Ar-
chitektur nur mehr eine vage Anmu-
tung seiner ursprünglichen natur-
wüchsigen Herkunft vermittelt -
wahrhaft tief verborgene Wälder.

Aber sie sind nicht verloren. Sie
leben weiter in dem 105-teiligen Bil-
derzyklus, der diesem Stelenwald
Stück für Stück zugeordnet ist, als
erklärende Dokumentation und
gleichzeitig als formalästhetischer
Kontrapunkt zu den 105 Skulptu-
ren, in denen die Wälder verborgen
liegen. Denn in jedem dieser Bilder-
rahmen ist eine Photokopie der im
zugehörigen Stamm verborgenen
Photographie zu sehen.

Und auch das Verfahren der Ver-
siegelung ist hier in künstlerischer
Transformation dokumentiert: Mit
jeder Holzstele, jedem Stamm, je-
dem Photo verbindet sich ein Holz-
schnitt, gefertigt als Unikat und
nur ein einziges Mal gedruckt. Er
verweist mit der Gestalt eines gro-
ßen T auf den wächsernen Deckel
und die Wachsfüllung des Stam-
mes, die hier im horizontalen
Schnitt zeichenhaft nachgebildet
sind. Die Korrespondenz der in
ganz verschiedener Weise bearbeite-
ten Hölzer, der innere Zusammen-
hang von Holzskulptur und Holz-
schnitt, bildet somit den gedankli-
chen Kern der „Verborgenen Wäl-
der". Und in der heimlichen Verqui-
ckung der Zeichen und Bilder liegt
auch der Schlüssel zu Natur und
Statur des Waldes.

Man sieht, was verschwunden
ist; und man erfasst die künstle-
risch transformierten Wälder von
ihren Wurzeln her. Und in den gro-
ßen Pinselzeichnungen mit stilisier-
ten Bäumen, die diese Installation
in idealer Weise ergänzen, gibt Mi-
chael von Brentano eine weitere,
bildhafte Interpretation natürli-
cher Wachstumsstrukturen.

So verbinden sich in dieser Instal-
lation Natur und Skulptur, Fotogra-
phie, Malerei und Druckgraphik zu
einer komplexen und gedanklich
vielfach vernetzten künstlerischen
Meditation über das Naturphäno-
men Wald, das gerade hierzulande
vielfach mit Naturromantik, natio-
nalem Pathos, wirtschaftlicher Nut-
zung, Windwurf, Waldsterben und
politischer Agitation in Verbin-
dung gebracht wird. Was Michael
von Brentano diesemPhänomen ab-
gewinnt, ist dagegen ganz frei von
solchen ideologischen Belastungen,
ist vielmehr reine Denkfigur und
künstlerische Form: klar, objektiv,
hochästhetisch.

Und die Galerie Kunstgang (sie
wurde vor einer Woche im Hallen-
bad der Flintkaseme eröffnet) bie-
tet nun die geeigneten Räumlichkei-
ten für diese Installation, sie bietet
die nötige räumliche Tiefe, weit
nach hinten gestaffelt wie der
Skulpturenwald und die lange Rei-
he der begleitenden Bilder. Der
Weg dorthin ist lohnend.


Die Ausstellung ist noch bis zum
28.Oktober, jeweils am Mittwoch,
17 bis 18 Uhr und am Freitag um 20
bis 21 Uhr zu sehen.
ANDREAS HEIDER

Süddeutsche Zeitung, 09.10.99

Tölzer Kurier, 30.09.99

brentano

MICHAEL VON BRENTANO

Installation: Verborgene Wälder

und

Pinselzeichnungen

Der Blick aufVerborgenes

Brentano und seine Installationen

Bad Tölz (hab) - Wohlge-
ordnet stehen unzählige, ver-
schieden hohe Holz-Stäbe
auf dem Terracotta-Boden.
Daneben an der weißen Wand
hängen, in zwei Blöcke auf-
geteilt, Tafeln mit Fotogra-
fien. Doch was haben sie mit
den Holz-Pflöcken zu tun? So
stellt sich die Rauminstalla-
tion „Verborgene Wälder"
des Künstlers Michael von
Brentano dem Betrachter auf
den ersten Blick dar. Klaus
Drescher hat den Künstler,
der zur Zeit an einem großen
Projekt in Ulm arbeitet, zur
Eröffnung seiner Galerie
„Kunstgang" in der Flint-
Kaserne geholt.

Michael von Brentano, der
in Peretshofen bei Dietrams-
zell lebt, hat sich bereits ei-
nen Namen durch frühere In-
stallationen gemacht. Unter
anderem hat er eine Ausstel-
lung in der Jachenau in den
Jahren 1994 bis 1996 konzi-
piert und hat 1995 ein Werk
dem Fluss Kum Gang in Ko-
rea gewidmet. Allen Installa-
tionen gemeinsam ist die
Auseinandersetzung des
Künstlers mit der Natur. Die
Eindrücke, die Brentano auf
seinen Wanderungen sam-
melt, setzt er in seinen Ar-
beiten mit den verschiedens-
ten Gestaltungsmitteln von
der Bildhauerei bis zur Male-
rei um. Gelernt hat von Bren-
tano Schreiner, bevor er Bild-
hauerei an der Münchner
Kunstakademie studierte. Er
unterrichtet derzeit an der
Garmischer Fachschule für
Bildhauerei.

Die Installation „Verbor-
gene Wälder" ist das Ergeb-
nis einer Wanderung durch
die Wälder um Lenggries und
zum Ross- und Buchstein.
Brentano hat 105 Skulpturen
aus Fichtenstämmen ge-
drechselt. Übriggeblieben ist
dabei nur der Wachstums-
kern des Stamms, der bei je-
der Skulptur völlig individu-
ell ausfällt. In diese Skulptu-
ren bohrte er ein Loch, das ei-
ne Fotografie der Wälder ent-
hält und mit Wachs versiegelt
wurde. An der Wand hängen
Wachstäfelchen mit Laser-
kopien der Fotos und dem zu-
gehörigen Querschnitt durch
die Wachsversiegelung.

Was jedoch der Betrachter
in diesem Werk erkennen
soll, lässt von Brentano völlig
offen. „Die komplexen Vor-
gänge in mir kann natürlich
niemand  nachvollziehen."
Denn jeder würde die Land-
schaft mit einem anderen
Blick wahrnehmen. Wichtig
ist von Brentano, dass der Be-
trachter mit unvoreingenom-
menen Blick seinem Werk be-
gegne. „Denn wer nicht offen
ist, der sieht nichts, der sieht
nur, was da steht."